Tellerrand

Tofu liebt Schnitzel

Liebe geht durch den Magen. Und was, wenn sich ein Veganer und ein Fleischesser ineinander verlieben? Kann so eine Beziehung funktionieren, ohne dass die Küche jedes Mal zum Krisengebiet wird? Ayindé Howell und Zoë Eisenberg sagen Ja und verraten im Interview auch, wie

Ayindé Howell hat noch nie in seinem Leben ein Stück Fleisch oder Käse gegessen, Zoë ­Eisenberg lebt seit ihrer Collegezeit vegan. Er ist Koch, sie Redakteurin. Bei ihrem Kennenlernen merkten die zwei schnell, dass sie mehr als nur die vegane Lebensweise verbindet – auch ihre Dating- und Liebesprobleme waren gleich. Beide hatten bisher ausschließlich Beziehungen mit Omnivoren (Alles­essern).
„Man schläft quasi mit dem Feind, aber das ist okay, wenn man ihn liebt“, finden Zoë und Ayindé. Denn: Auch ­
Veganer dürfen Schmetterlinge im Bauch haben und Fleischeslust verspüren – das stellen sie auf unterhaltsame Weise klar in ihrem Buch The lusty vegan („der lüsterne Veganer“), einem Mix aus Kochbuch und Beziehungs­ratgeber. Wir haben mit Zoë und Ayindé über das per­fekte erste Date gesprochen, Schwiegereltern, die fleischfreie Fleischklopse kochen, und Käse als Kompromiss.

mutti: Wie ist euer aktueller Beziehungsstatus?
Zoë: Vergeben. Ich bin seit vier Jahren mit meinem Freund zusammen. Ja, er ist ein Omnivore. Ja, es ist manchmal schwierig.
Ayindé: Ich bin auch gerade in einer Beziehung.
Ihr schreibt in eurem Buch, dass ihr noch nie Veganer gedatet habt. Wieso eigentlich nicht?
Zoë: Weil die guten veganen Singlemänner schneller weg sind als Gratis-Tequila an der Bar. Außerdem bin ich eine hoffnungslose Romantikerin. Wenn ich mich verliebe, kann ich meine Gefühle nicht einfach unterdrücken, nur weil derjenige Fleisch isst. Das 13-jährige Teenagermädchen in mir quengelt dann so lange „Aber ich mag ihn doch!“, bis ich mich darauf einlasse.
Ayindé: Seitdem das Buch draußen ist, habe ich sogar schon zwei Veganerinnen gedatet. Allerdings steht der gemeinsame Lifestyle nicht über allem. Er gleicht nicht automatisch die Probleme aus, die auftauchen, wenn zwei Menschen versuchen, ihr Leben miteinander zu verbringen.

„Essen ist wie Liebe: extrem wichtig, total emotional & manchmal kompliziert.“

Als ihr euch kennengelernt habt, wart ihr beide Single und habt euch gut verstanden …
Zoë: Klar, wenn ein Mann und eine Frau ein Buch dar­über schreiben, wie man am besten mit Fleischessern zusammenlebt, weil beide nicht die große vegane Liebe finden, drängt sich automatisch die Frage auf: Warum probiert ihr es nicht miteinander? Aber es hat einfach nicht gefunkt.
Ayindé: Zoë ist eine großartige Freundin. Sie gehört zu den kreativsten und vertrauenswürdigsten Menschen, die ich kenne. Wieso sollte ich unser Arbeitsverhältnis und unsere Freundschaft versauen, in dem ich was mit ihr anfange?

Was waren die größten Probleme in euren bisherigen Beziehungen? 
Zoë: Da gibt es zum einen die alltäglichen Probleme: Wo gehen wir essen? Wie teilen wir uns eine Küche? Und die wichtigste Frage, die man sich stellen muss: Kann man die unterschiedlichen Lebensstile miteinander verein­baren oder nicht?
Ayindé: Auswärts frühstücken. Nirgendwo gibt es richtig leckere Pancakes ohne Milch und ohne Ei. Muss ich sie halt weiterhin selber machen. Jetzt mal im Ernst: Wenn man zusammenzieht, ist es extrem wichtig, in der Küche Grenzen zu ziehen und diese einzuhalten. Dazu gehören beispielsweise eine eigene Pfanne zum Baconbraten, Extramesser für Fleisch und getrennte Kühlschrankfächer.
Habt ihr noch mehr Beziehungstipps?
Zoë: Oberste Regel: Man sollte niemals versuchen, den anderen auf seine Er­nährungsseite zu ziehen – gilt für beide. Fleischesser sollten offen gegenüber Neuem sein und mal vegane Gerichte probieren, die der Partner gekocht hat. Oder noch besser: Zusammen kochen.
Ayindé: Ein total einfacher, aber wichtiger Tipp: Bevor man in einem Restaurant reserviert, kurz anrufen und nachfragen, ob es auch vegane Speisen gibt.
Zoë: Wenn beide Partner tolerant sind, kann man sich ganz gut arrangieren. Selbst das Kennenlernen der Eltern muss nicht in einer Vollkatastrophe enden – ich spreche aus Erfahrung.

Sprichst du da eventuell von der Kennenlernwoche, die du bei den Eltern deines Exfreundes verbracht hast?
Zoë: Genau – eine ganze Woche! Dafür habe ich meinen Koffer vollgepackt mit ­lebensnotwendigen Dingen: vegane Kondome und Nüsse. Ich habe mir im Vorfeld den Kopf darüber zerbrochen, was ich dort essen kann. Aber als wir ankamen, lächelte seine Mutter mich an und sagte: „Ich freue mich sehr, dich kennenzulernen. Wir haben jede Menge fleischfreie Fleischklopse mit Soße für dich.“ Das war die bizarrste Begrüßung überhaupt, aber die Woche lief super. Seine Mama hatte sich genauso viele Gedanken gemacht wie ich. Der Kühlschrank war voll mit Hummus und Gemüse.
Für The lusty vegan habt ihr mit euren Expartnern gesprochen. Haben sie erzählt, was für sie schwierig war?
Zoë: Darüber gesprochen haben wir schon, als wir noch ein Paar waren. Mein Ex antwortete: Käse. Er würde gern auf jedes vegane Gericht, dass ich für ihn koche, Käse draufmachen. Ich habe ihm das natürlich nicht verboten, Käse war dann unser Kompromiss.
Hat er denn auch mal für dich gekocht?
Zoë: Nicht sehr oft. Einmal hat er mir eine Mousse au Chocolat gemacht. In Wahrheit war es mehr Schokoladenmilch als Mousse. Aber immerhin hat er sich die Mühe gemacht, ein Rezept zu suchen und in seiner WG für mich zu kochen. Weil ich davon so beeindruckt war, habe ich sogar alles auf­gegessen. Na ja, viel mehr ausgetrunken.
Gibt es Nummer-sicher-Gerichte, bei denen selbst Fleischesser nichts vermissen?
Zoë: Asiatisches Essen geht immer, weil es geschmackvoll ist und oft kein Fleisch enthält – oder man kann es gut ersetzen oder gleich ganz weglassen.

Vegan to know

Pst! Wusstest du schon, dass …

🥕 … normale Kondome Casein (ein Milchprotein) enthalten? Keine Bange, es gibt auch vegane (z. B. „Einhorn Condoms“, über einhorn.my).

🥕 … Wein oft mit Gelatine (tierisches Protein) geklärt wird? Deshalb beim Einkauf schauen, ob der Wein der Wahl als vegan gekennzeichnet ist.

🥕 … Süßkartoffeln ein echter Lust­macher sind? Sie enthalten viel Vitamin A, das die Produktion der Sexualhormone ankurbelt.

 

Wie sieht ein gutes erstes Date aus?
Ayindé: Ein Spaziergang ist perfekt. So kann man sein Gegenüber kennenlernen, ohne dass gleich das Veganthema auf den Tisch kommt und diskutiert wird.
Zoë: Eine Bar ist auch ein guter Ort für ein erstes Date. Im Restaurant müsste man den Kellner fragen, welche Gerichte überhaupt rein pflanzlich sind, und schon ist man beim Veganthema.
Sollte man also erst mal verschweigen, dass man Veganer ist?
Ayindé: Man sollte zunächst herausfinden, ob unabhängig davon die Chemie stimmt.
Zoë: Veganer haben ganz normale Hobbys und auch noch andere Interessen außer ihrer veganen Lebensweise. Ich unterhalte mich gern über Kunst, Filme und Politik.
Ayindé: Es ist schon komisch: Wenn es heißt, Jesus oder Buddha, Republikaner oder Demokrat, Red Sox oder Yankees, können sich alle irgendwie arrangieren. Aber bei Bacon oder Tofu drehen viele sofort durch.

Wie sind eure vorherigen Beziehungen eigentlich ausgegangen?
Ayindé: Unsere Differenzen waren irgendwann zu groß, um sie mit gutem Sex zu überspielen. Nach der Trennung habe ich mir geschworen, nie wieder eine Omnivore zu daten. Hat nicht geklappt.
Zoë: Ich habe mich zum Schluss nicht mehr verstanden gefühlt – unabhängig vom Vegansein. Als ich auszog, hat mein Ex mich gefragt, ob er ein paar meiner veganen Kochbücher behalten darf. Kurz darauf schrieb er mir, dass er das Buch „Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer gelesen hat und jetzt kein Fleisch mehr isst. Ich habe echt mieses Karma.

„Auch Veganer haben Schmetterlinge im Bauch.“


3 gute Gründe, eine vegane Person zu daten

von Zoë

1)  Wer sich rein pflanzlich ernährt, isst häufig gesünder. Die Chance, dass ein Veganer also gut auf seinen Körper acht gibt, ist relativ hoch.

      KLARTEXT: Wir sehen nackt einfach großartig aus!

2) Bei Familienfeiern steht der Veganer im Mittelpunkt: Was darf der denn jetzt essen und was nicht?

      KLARTEXT: Keiner nervt dich mit der Frage, warum du noch nicht verheiratet bist.

3) Veganer beschäftigen sich intensiv mit Lebensmitteln, bereiten ihre Mahlzeiten oft selbst zu und können deshalb häufig richtig gut kochen.

      KLARTEXT: Du musst niemals in trostlosem Essen vom Liefer­service herumstochern.

 

Interview: Marlene Kohring. Fotos: Geoff Souder

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BUCHLIEBE

In The lusty vegan findet man jede Menge Ratschläge und Rezepte von Zoë und Ayindé für eine glückliche vegan-omnivore Beziehung (erschienen auf Englisch bei Vegan Heritage Press, ca. 22 € bei amazon.de).
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Rezept für

Verschärftes Blumenkohlcurry

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Rezept für

"Wolke 7"-Süßkartoffelspaghetti

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